CURIOUS? - by Anne(Sparkling-Gossip)
APRI LE ALI
 
Sie stand dort, schweigend. Einsam. Sie stand dort, mit geschlossenen Augen, mit ausgebreiteten Armen. Es schien, als habe die Welt aufgehört sich zu drehen. Das einzige Mal, das sie wichtig zu sein schien.
Niemand hatte sich je um sie gekümmert. Sie war da, einfach nur da. Man kann nicht sagen, dass sie lebte. Sie existierte. Und es interessierte niemanden, es gab keine einzige Seele in der ganzen Welt, die sie bemerkt hatte. Sie war niemals jemandem aufgefallen, nie hatte jemand innegehalten, sich nach ihr erkundigt, ihr zugelächelt. Sie war allen egal gewesen.
Und nun schien es, als würde die gesamte Welt den Atem anhalten. Alle Augen waren auf sie gerichtet, niemand sprach, alle standen nur da, schauten zu ihr auf. Mit offenen Mündern. Sie gafften sie an. Die Welt hatte innegehalten.
Dass sie auf die Welt gekommen war hatte niemand bemerkt. So schien es ihr. Niemand hatte sich um sie gekümmert, sie hatte sich schon von Anfang an durchs Leben schlagen müssen. Ganz allein. Diese Einsamkeit umhüllte sie und niemand schien diesen Hauch der Melancholie durchdringen zu wollen. Sie ließen sie lieber allein. Allein mit sich und dem Leben. Und nun stand sie dort.
Sie hielt ihre Augen noch immer geschlossen. Ein sanftes, kaum bemerkbares Lächeln legte sich auf ihr Lippen. Ein Windhauch strich ihr eine Strähne aus der Stirn. Sie stand dort und schien das Leben zum ersten Mal zu genießen. Zum ersten Mal schien sie glücklich. Zufrieden.
Schweigsam war sie gewesen. Schon immer. Sie hatte sich lieber mit sich selbst beschäftigt, hatte noch nie viel mit jemand anderem zu tun haben wollen. Sie war ein Alleingänger, die Einsamkeit bedrückte sie nicht. Sie fühlte sich sicherer als in Gesellschaft anderer Menschen. So war sie eben gewesen. Schon immer.

Sie stand dort, das weiße Kleid wehte im Wind, ihr Haar umhüllte ihren zarten Hals. Mit ausgebreiteten Armen stand sie dort oben, als wolle sie fliegen. Die Menschen schauten zu ihr auf, geblendet von ihrer Schönheit. Sie standen einfach dort ohne sich zu regen, als wären sie verzaubert von diesem faszinierenden Wesen. Sie öffnete langsam die Augen. Beugte sich vor. Langsam fiel sie. Sie schien zu fliegen, zu schweben. Ihr weißes Kleid umhüllte sie. Sie hörte nicht auf zu lächeln. Und niemand regte sich.

Auch Engel haben rotes Blut

MEMO: IDENTITÄT


 Das Boot stieß am Ufer an. Es war ein leises, ein hölzernes Pochen, ganz leise, und doch laut genug, um ihr wieder in Erinnerung zu rufen, dass das ganze wahnsinnig war. Sie hatte nicht darüber nachgedacht, als sie sich spontan dazu entschloss, und nun stand sie da, ohne Koffer, nur in dem Kleidchen, dass viel zu dünn war für die Jahreszeit.
Sie schaute auf, schaute sich um – es war niemand da, der sie hätte wachrütteln können, der sie an ihr Leben hätte erinnern können. Es war niemand da, der sie hätte aufhalten können. Sie musste lächeln, sie wusste nicht wieso, einfach so, das Lächeln überkam sie. Sie erschrak. So ein Gefühl kannte sie nicht. Ein Lächeln, das ganz von alleine kommt. Von Innen. Und nun musste sie über sich selbst lachen, sie lachte, einfach so, ganz alleine am Ufer, vor ihr das Boot. Sie lachte, wie sie nie hatte lachen können, sie lachte über sich und über ihr Leben und über die Welt. Der Wind spielte mit ihren Haaren.
Sie hob einen Fuß, und setzte ihn in das Boot. Eine Gänsehaut überkam sie, nur eine leichte Gänsehaut, die Vernunft hatte noch nicht an sie appelliert. Sie schaute wieder auf, schaute sich um – es war, als ob sie irgendetwas oder irgendjemanden zu erspähen suchte. Doch es war niemand da. Wie denn auch, um die Jahreszeit ging niemand ans Ufer. Außer ihr.
Nun stand sie mit beiden Beinen in dem Boot. Das Wasser war trübe, unbeweglich, fast wie ein Spiegel, oder ein Mantel, wie irgendetwas Totes, doch das kümmerte sie nicht. Ihr war in dem Augenblick alles egal, denn das Lächeln hatte nicht aufgehört und sie war benebelt von diesem neuen Gefühl. Es war ein komisches Gefühl, das sie zuvor nicht gekannt hatte, bis es sie hier am Ufer einfach so überkam. Sie war benebelt von diesem unbekanntem neuen Gefühl. Sie bemerkte nicht einmal den Nebel, der am Ufer entlangschlich, der langsam alles einhüllte. Sie hätte sich gewundert über diesen Nebel, wenn sie etwas zu bemerken imstande gewesen wäre, sie hätte sich gefragt, ob es immer so ist in dieser Jahreszeit, denn sie war noch nie am Ufer gewesen, wie alle anderen. Hätte sie klar denken können, dann hätte sie sich auch gewundert, wieso niemand um diese Jahreszeit ans Ufer geht. Verboten worden war es nicht, von niemandem, aber da es niemand tat, kam es niemandem in den Sinn es zu tun. Außer ihr.
Sie wusste nicht, wieso sie ans Ufer gegangen war. Sie hatte nicht nachgedacht, hatte überhaupt nichts gedacht, ihre Füße hatten sich in Bewegung gesetzt, und hatte nichts gedacht, als wäre es das selbstverständlichste der Welt um diese Jahreszeit ans Ufer zu gehen. Doch im Boot dachte sie nichts, fragte sich nicht, wieso sie am Ufer war, und wieso niemand ans Ufer ging, sie fragte sich nicht woher der Nebel kam und auch nicht, wieso sie lächelte.
Sie stand einfach dort, in diesem Boot, und schaute ins trübe Wasser. Plötzlich war es nicht mehr wie ein Mantel, eher wie ein Spiegel. Sie sah sich, blickte in ihr Gesicht, sah direkt in ihre eigenen Augen, und das Lächeln verschwand. Alle Fragen kamen ihr auf einem Mal in den Sinn, sie dachte wieder. Sie dachte nicht nur, sondern erschrak, sie erschrak über sich selbst, über den Nebel, über das Ufer, das Boot, das Wasser. Sie sprang aus dem Boot, rannte weg, die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie rannte, ihr Atem ging schnell, viel zu schnell, sie rannte und drehte sich nicht um.
Sie rannte zu den anderen, zu denen, die niemals um diese Jahreszeit ans Ufer gingen, sie rannte zu ihnen und vergaß, dass es nichts zu fürchten gegeben hatte, nichts. Sie vergaß, dass nur ein Gedanke ihr Angst gemacht hatte: Niemand geht um die Jahreszeit ans Ufer, wieso auch immer, niemand tut es. Und sie wollte nicht Jemand sein. 

 ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*

SPIEGELSCHERBENSPLITTER

 


Sie war beliebt. Jeder kannte sie, wenn auch nicht persönlich. Wenn sie in einen Raum trat, war es wie wenn die Zeit stehen blieb. Jeder drehte sich um, lächelte, schaute ihr nach. Damit ein wenig ihres Wesens auf sie abfärbte. Doch es funktionierte nicht. Sie war faszinierend. Sie schaffte es, alle in ihren Bann zu ziehen, lachte mit jedem und hatte auch für das letzte Mauerblümchen ein aufmunterndes Lächeln übrig. Schlecht Laune kannte sie nicht. Jeder liebte sie. Und es gab keine Ausnahme, die diese Regel bestätigt hätte.
Daher hatte sie viele Freunde. Im Gang grüßte sie jeder, und sie grüßte immer zurück. Aber es gab niemanden, mit dem sie hätte tratschen können, niemanden für peinliche Aktionen in Supermärkten, niemanden, dem sie sich hätte präsentieren können, wie sie wirklich war. Aber so war es seit langem, und sie war es gewöhnt. Nicht, dass sie die Abende alleine auf dem Sofa verbrachte, im Gegenteil. Jeder hielt sie für perfekt, aber sie fühlte sich nie vollkommen. Niemand verstand sie wirklich. Niemand verstand, dass das ganze nur eine große Show war. Niemand.      
Jeden Morgen, wenn sie vor dem Spiegel stand, lächelte sie. Sie dachte daran, was sie am heutigen Tag vorspielen würde, was sie sagen, wie sie sich verhalten würde. Es war ein Spiel geworden. Sie wusste nicht mehr, wann es angefangen hatte. Es war das einzige, was ihr Freude bereitete. Abgesehen davon war ihr Leben ein einziges schwarzes Loch. Aber sie dachte nicht gern an die Realität, viel lieber verdrängte sie alle Gedanken und spielte sich was vor. Die Welt war ihre Bühne, und sie selbst war der Regisseur.
An jenem Morgen änderte sich alles. Es regnete, ein ungewöhnliches Wetter für den Monat, doch es regnete in Strömen. Die Regentropfen perlten an der Fensterscheibe ab. Sie blickte wie jeden Morgen in den Spiegel, sah ihren verhassten Körper, wie jeden Tag. Sie war bereit in ihre Rolle zu schlüpfen, schloss die Augen, holte tief Luft – doch sie schlug die Augen auf und schaute in blasse, farblose Augen, die ihr im Spiegel entgegensahen. Sie schrie.
Es war nichts anders als an anderen Tagen, diese Augen hatte sie schon von Geburt an, doch an dem Tag waren ihre Gedanken anders gewesen. Es war ihr plötzlich in den Sinn gekommen, dass Fassade Fassade ist und Fassade bleibt, doch diese blassen Augen, die der einzige Zugang zu ihrem wahren Wesen waren, für immer bleiben würden, dass sie ihnen nichts vormachen konnte, denn sie kannten sie, sie wussten von allem, sie kannten sie seit ihrer Geburt. Und sie kannten ihr elendes Spiel.
„Ich kann das nicht“ „Natürlich kannst du das“, erwiderte eine Stimme, „Tausende haben es schon vor dir gemacht, und du willst das nicht können? Pah, da hast du’s, du elender Feigling. Du bist und bleibst der Verlierer, der du schon immer warst.“
Die Zeit stand still. Alle Augen waren auf sie gerichtet, jeder drehte sich zu ihr. Nur das Lächeln fehlte. Sie hatte kein Lächeln mehr übrig. Irgendwo war es verloren gegangen. „Nächstes Mal sorge ich für genug Reserve“ schrie sie.
Und sprang. 

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SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT
 
 
Er winkt ihr zu.                                                                                                                       Mit jedem Meter, den sie sich von ihm entfernt, wächst ihre Sehnsucht.
 
Sehnsucht hatte sie noch nie. Vor allem nicht nach ihm. Er was so selbstverständlich in ihr Leben getreten, dass sie nie an die Zeit vor seinem Erscheinen gedacht hatte. Aber auch nicht an die Zeit nach ihm. An die Zeit des Abschieds.
So kam es, dass die Sehnsucht sie unvorbereitet erwischt. Sehnsucht ist hinterhältig, sie schleicht sich an, lautlos und unerwartet. Und dann packt sie zu. Lässt das Opfer zappeln, sich winden, doch der Klaue der Sehnsucht entkommt man nicht. Niemals. Sie saugt die Menschen aus, macht die krank. Und tötet.
Schlagartig wird ihr bewusst, dass sie nichts von ihm besitzt. Kein Bild, keine Erinnerung, nichts. Sie hatte ihn in seiner Selbstverständlichkeit hingenommen und nie daran gedacht, je etwas zu brauchen, dass sie an ihn erinnert. Sie hatte nie daran gedacht, dass er zu einer Erinnerung werden würde. Überhaupt war die Zeit mit ihm ein Traum gewesen. Ohne Daten, ohne Uhrzeiten, ohne Orte. Tage gingen in Nächte über, die ganze Welt lag ihnen zu Füßen. Sie hatte nicht realisiert, dass diese Zeit eine schöne Zeit war. Denn sie war so selbstverständlich gekommen wie er. Und sie hatte nicht nachgedacht.
Doch die Welt hält nicht an, nur um einen Menschen vor Sehnsucht zu retten. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Die Welt nimmt keine Rücksicht darauf. Sie dreht sich weiterhin fort, mit ihr die Zeiger der Uhren. Und er wird immer kleiner.
 
Einige Tage später merkt sie, wie ihr Gedächtnis nicht mehr richtig funktioniert. Sie kann sich nicht klar an sein Gesicht erinnern, sie sieht es nur noch verschwommen. In der Eile hatte sie sogar vergessen, sich sein Gesicht einzuprägen. Und nun ist es fort.
Mitten in der Nacht wacht sie auf. Schweißgebadet und schwer atmend. Sie hat im Traum seine Augen gesehen. Das Funkeln darin. Doch sie sind fort, ausgelöscht aus dem Gedächtnis. Egal, wie sehr sie den Traum wiedersehnt, den Augenblick, in dem sie seine Augen wiedergesehen hat – vor ihr bleibt nur Dunkelheit.
 
Sie starb. Sie war Opfer der Selbstverständlichkeit. Als sie aufhörte zu atmen hatte sie ein Leben hinter sich, in dem sie jeden Tag fieberhaft an ihn gedacht hatte. Alles hatte sie vergessen. Seine Stimme, seine Augen, seinen Geruch. Er war ein leeres Blatt geworden, ausgelöscht, ausradiert, ohne Alter, ohne Gesicht, ohne Erinnerung. Sie hatte bis zum letzten Tag an der Erinnerung festgeklammert gelebt, die keine Erinnerung mehr war.

Die Welt hatte nicht angehalten. Die Welt hatte sich weitergedreht und sie hatte es vergessen.


 



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16, Träumerin, von Natur aus chaotisch und laut, schreibsüchtig, nachdenklich, verplant
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